2.0 Unsere Biologie hat die Kontrolle

von: Raffael Salerno  

Über unsere Sinnesorgane nimmt unsere Biologie die Außenwelt war. Geschieht nun ein Ereignis, das eine blitzschnelle Reaktionen für unser Überleben erfordert, reagiert der Körper auch ohne vorherige Verarbeitung und Bewertung durch die Großhirnrinde, ohne dass wir die Möglichkeit bekommen, darüber nachzudenken. Tödliche Gefahren können jederzeit und überall auftauchen. Deshalb muss unsere Biologie schnell reagieren können.

 

Bevor also unser Bewusstsein etwas wahrnimmt, sind bereits alle lebenserhaltenden Maßnahmen von unserer Biologie eingeleitet. Oft ist uns das noch nicht einmal bewusst. Ein lauter Knall, und wir zucken zusammen, wir ducken uns, wenn uns etwas entgegenfliegt. Solche Reaktionen laufen ab, noch bevor uns bewusst wird, was passiert ist. Diese alten archaischen Reaktionsmuster sind bereits im einfachen Einzeller verankert und bei fast allen Säugetieren vorhanden. Wir Menschen reagieren somit bei ernstzunehmenden Gefahren sofort und ohne nachzudenken. Anders ist unsere Reaktion, wenn die Gefahr nicht so lebensbedrohlich ist. In diesen Situationen erlaubt uns unsere Biologie, die Sachlage noch zu interpretieren. Dann können wir durch eine bewusste Einschätzung das Alarmprogramm minimieren oder sogar stoppen. Jedoch kann es auch sein, dass wir uns aufgrund unserer „unguten“ Interpretationen immer mehr in diesen Ausnahmezustand hineinsteigern.

Viele Studien haben gezeigt, dass bei der unbewussten Wahrnehmung einer Gefahr die instinktive Reaktion eine große Rolle spielt. Diese unbewusste Wahrnehmung wirkt sich auch auf unseren Entscheidungs- und Kommunikationsprozess aus. Somit können wir bei der Kommunikation die Situation entsprechend als „gut“ oder „ungut“ interpretieren, und dementsprechend reagiert unsere Biologie auf unsere Interpretation. Unsere Biologie merkt sich unsere Entscheidungen und Interpretationen sowie unsere Reaktionen in bestimmten Situationen und startet schon einmal vorsorglich in ähnlichen Situationen ein Abwehrprogramm, um vorbereitet zu sein. Wir konditionieren uns auf diese Weise auf solche Situationen und reagieren dann in Zukunft noch viel früher und schneller mit den entsprechenden unguten Gefühlen und Abwehrprogrammen.

Dazu Neurowissenschaftler Prof. Dr. Antonio Damásio in einem Interview:
„In Wirklichkeit existiert das Gehirn, die gesamten geistigen Aktivitäten, wegen des Körpers, weil wir Leben im Körper haben und weil das Gehirn der Manager des Lebens im Körper ist. Jeder Gedanke, jedes Gefühl hat einen Widerhall in unserem Körper und verändert den Körperzustand. Alles, was in unserem Leben passiert, wird geistig und körperlich verarbeitet und im Gehirn registriert. Wenn wir zum Beispiel träumen, tun wir das geistig und spüren es im Körper, tun es also auch im Körper. Da sich alles auf unseren Körper auswirkt, sollten wir die meiste Zeit glücklich sein. Das wirkt sich am besten für unseren Körper und Geist aus. Wenn aber unsere Entscheidungen ungut sind, wirkt sich diese Entscheidung zu unserem Nachteil aus.“

Das bedeutet:
Viele unserer alten unguten Interpretationen vergangener und aktueller Ereignisse veranlassen unsere Biologie, immer öfter die Kontrolle mit entsprechender Intensität zu übernehmen.

Das kann sogar so weit gehen, dass unser Denken für eine gewisse Zeit komplett ausgeschaltet wird, wenn wir z.B. in Ohnmacht fallen. Des weiteren werden auch unsere Denkprozesse von unserer Biologie beeinflusst.

Eine Forschergruppe um
Prof. Dr. John-Dylan Haynes hat mit Hilfe der Kernspintomographie (MRT) Gehirnaktivitäten untersucht und festgestellt, dass unser Gehirn ca. 3 -7 Sekunden lang die Vorbereitungen für eine Entscheidung trifft und somit unser Unterbewusstsein oft schon entschieden hat, noch bevor wir das Gefühl haben, uns tatsächlich willentlich entschieden zu haben.“ 

Und das, ohne dass die Probanden in einer Gefahrensituation waren. Um wie viel wirkungsvoller geschieht dann die Kontrolle, wenn wir uns unwohl fühlen oder es um Gefahren geht!

Die ständig vorherrschende Kontrolle durch unsere Biologie ist ein natürlicher Schutzmechanismus. Dieser Schutzmechanismus (biologischer Abwehrmodus BA) ist überlebenswichtig und einer unserer primären Antriebe, der aber auch in der zwischenmenschlichen Kommunikation aktiv ist. Auch wenn wir mit anderen kommunizieren, ist dieser Schutzmechanismus laufend aktiv.

Warum?
Weil für uns Menschen sowohl Freunde und Helfer (Möglichkeiten) als auch Feinde (Bedrohungen) sein können.

Diese Bipolarität hat eine starke Wirkung auf unser Kommunikationsverhalten. Unsere Biologie reagiert auf uns unangenehme Menschen als wären diese eine echte Bedrohung – teilweise mit derselben Intensität, als würde ein Raubtier vor uns stehen. Die Biologie übernimmt dann die Kontrolle und schaltet sofort in den biologischen Abwehrmodus (BA).

Mit jedem Mal, bei dem wir in der Interaktion mit jemanden ungut reagieren und die Ereignisse als unvorteilhaft interpretieren, verschlechtern wir unsere Möglichkeiten, mit diesem Menschen in Zukunft besser auszukommen. Wir schalten dann schon in den biologischen Abwehrmodus (BA), noch bevor wir mit diesem Menschen ernsthaft etwas zu tun haben. Im Extremfall genügt es schon, nur seinen Namen zu hören oder die Vorstellung, diesem Menschen demnächst begegnen zu müssen. 

Der biologische Abwehrmodus (BA) erfüllt eine sehr wichtige Aufgabe und hilft uns, in gefährlichen Situationen zu überleben. Nur: Leider haben wir im Lauf unserer Zeit viel zu viele Ereignisse als Gefahren eingestuft, die in Wirklichkeit keine echten Gefahren sind. Diese unvorteilhaften Interpretationen alter Ereignisse wirken sich dann laufend auf unser zukünftiges Verhalten aus.


 Weiter zu:

1.0 Einleitung
2.0 Unsere Biologie hat die Kontrolle
3.0 Der biologische Abwehrmodus (BA)
4.0 Wie wirkt Kommunikation
5.0 Was können wir tun
6.0 Streit, unsere Erkenntnis und Lösung dazu


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